• Maximilian Dettmer

Jura mal aus anderer Perspektive

Aktualisiert: Mai 19

An einer Juristischen Fakultät zu studieren sei lang, hart und nicht für jede:n, meinen viele. Diese Sichtweise hat leider häufig negative Folgen. Dabei geht es auch anders!

Wer sich dazu entscheidet Jura zu studieren, kennt Situationen, in denen man die Familie oder Freunde über klassische Vorurteile des gewählten Fachs aufklären muss. „Nein, das Gesetz kann man nicht auswendig lernen“, „der Stoff ist nicht immer sooo trocken“ und „der Unterschied zwischen Mord und Totschlag liegt nicht im Vorsatz“. Solche Stereotypen der „Nichtwissenden“ sind sicher nervig, aber auch nicht weiter tragisch.


Was mich dagegen stört, sind diejenigen Klischees, die von vielen Professor:innen, Dozent:innen, Absolvent:innen und sonstigen „Wissenden“ an die Studierenden bewusst oder unbewusst herangetragen und von Generation zu Generation beinahe unbesehen weitergegeben werden. Mir persönlich wurde in den ersten Wochen meines ersten Semesters gebetsmühlenartig klargemacht, dass Jura „eine hohe Abbrecherquote habe“, über die Jahre „wie eine Gehirnwäsche“ und ein „harter Konkurrenzkampf“ sei, bei dem man zusehen müsse, „mit der Stoffmenge und dem (Examens-)Druck klarzukommen“, will man denn unbedingt „die Lösungsskizze treffen“ und „das große VB erreichen“.


Viel Ungewissheit führt zu negativer Voreingenommenheit

Von Anfang an wurden mir also Credos gepredigt, die immer eine gewisse negative und demotivierende Energie versprüht haben, wenn man mal über seinen Studiengang nachdachte. Schnell etablierten sich auf diese Weise Angst, Stress, Neid und ausgefahrene Ellenbogen unter den Kommiliton:innen.


Diese in den Anfangssemestern häufig ausgesprochenen Warnungen waren sicherlich gut gemeint und inhaltlich auch nicht ganz falsch. Immerhin versuchten sie lediglich, ein Bild des Studienablaufs zu zeichnen, von dem es leider allzu oft keine wirklichen Vorstellungen gibt.


In der Schule fehlen schlichtweg Vergleichsfächer, an denen man absehen könnte, was bei Jura auf eine:n zukommt. Infomaterialien oder Schnuppervorlesungen geben nur bedingt Aufschluss, sofern man sie überhaupt in Anspruch nimmt. Am ehesten kann noch das eigene Umfeld – sofern man dort eine:n Jurist:in hat – näherbringen, wie die Jahre bis zum Examen ablaufen. Oft allerdings wiederum verzerrt durch die hausgemachten Negativ-Klischees.


Es ist nicht alles schwarz oder weiß

Ich kann diese bedrohliche Wahrnehmung des Studiums so nicht teilen. Ja, Jura ist ein Marathon, die Stoffmenge ist insgesamt zu groß, der Druck vor dem Examen hoch und insgesamt erscheint alles irgendwie überwältigend, gerade wenn man zugleich anfängt, privat auf eigenen Beinen zu stehen, sich in einer neuen Umgebung zurechtfinden muss und sich persönlich austesten und entwickeln will. Das alles muss aber gar nichts Schlechtes sein.


Im Gegenteil: Dieser Aspekt des Studiengangs kann sogar unheimlich positiv sein. Denn was das Jurastudium sowohl einfordert als auch selbst lehrt (wenn man es halbwegs ernst nimmt), sind Eigenverantwortung, Selbstreflexion, Routine, Selbstständigkeit, Kritikfähigkeit und ab und zu sogar Improvisation. Solche Fähigkeiten kann man immer und in allen Lebenslagen gut gebrauchen! Das Studium und die Menschen, die es mit Leben füllen, könnten diese Eigenschaften (mehr) vermitteln und in den Vordergrund stellen, tun es aber aus verschiedenen Gründen zu selten.


Was das Jurastudium eigentlich auch vermitteln sollte

Als ich wissenschaftlicher Mitarbeiter an einer Universität wurde, wollte ich versuchen, den Studierenden diesen positiven Ansatz, der mir in den Jahren zuvor selbst so geholfen hatte, innerhalb meines Wirkungskreises mitzugeben. Ich versuche dabei nichts vorzubeten, sondern teile weitestgehend meine eigenen Erfahrungen und Sichtweisen, die die Zuhörer:innen dann selbst reflektieren können. Das kostet mich zwar gelegentlich etwas mehr Zeit, in der ich mich nicht meinen anderen Aufgaben widme, ist aber sehr gut angelegt, insbesondere weil ich merke, dass das Engagement als Hilfe empfunden wird und bei Einzelnen wirklich etwas bewegt. Hierfür investiere ich gerne die ein oder andere Minute mehr.


Vergessen wird gerne, dass das Studium nicht nur inhaltlich, sondern auch hinsichtlich der Umstände Spaß machen sollte. Dazu gehört neben dem Lernen auch eine angenehme Atmosphäre inklusive eines gesunden Studentenlebens (selbst wenn dann der Donnerstag mal ausfällt, weil man es Mittwochabend übertrieben hat). Dazu können alle Beteiligten etwas beitragen.


Viele Wege führen nach Rom

Was das Lernen betrifft: Es gibt nicht die eine richtige Methode. Manche kommen besser klar, wenn sie von Anfang an mit Fällen arbeiten. Manche fassen in ihrem gesamten Studium nur Skripte und nie ein Lehrbuch an. Und manche haben immer drei Kommentare gleichzeitig vor sich aufgeschlagen. Hier wird sich aus meiner Sicht teilweise zu sehr an anderen orientiert. Zwar ist absolut empfehlenswert, sich in Sachen Methodik einander zu inspirieren, es sollte aber nicht dazu führen, dass man glaubt man würde zu wenig, zu langsam oder zu schlecht lernen.


Jede:r sollte nicht nur einen eigenen Lernstil entwickeln, sondern auch ein eigenes Lerntempo finden. Das Format des Jurastudiums gibt einem gerade die Zeit dafür! Ob man in den ersten Semestern nun 5 bis 7 oder 11 bis 13 Punkte schreibt, ist nach meiner Erfahrung mittel- bis langfristig nur bedingt repräsentativ für das eigene Leistungsvermögen. Im Examen hängt gerade im Zivilrecht viel davon ab, ob man die Gesetzessystematik versteht und die jeweiligen Normen findet sowie universell anwenden kann. Fälle und Meinungsstreitigkeiten auswendig lernen hilft da nur noch wenig und ist für die Vorbereitung im Angesicht von Dutzenden Stapeln mit Karteikarten auch nicht sonderlich motivierend.


Die ersten Semester sind zum Ausprobieren da

Mein persönlicher Tipp lautet daher, sich auszuprobieren, sich Raum zur eigenen Entwicklung zu geben, Lösungen auch mal zu verfolgen, wenn sie strukturell oder argumentativ von der Musterklausur abweichen. Jura ist nicht Mathe! Es gibt nicht nur einen Lösungsweg mit einem richtigen Ergebnis. Und erfahrungsgemäß wird eine Klausur viel besser und stringenter, wenn man seinen eigenen Gedanken nachgeht, anstatt krampfhaft die Lösungsskizze des Erstellers treffen zu wollen.


Wenn das heißt, dass man mal eine Klausur nicht besteht oder keine gute Punktzahl erreicht, so be it! Es ist noch kein Meister vom Himmel gefallen. Ich bemühe an dieser Stelle immer gerne den Vergleich zu Michael „Air“ Jordan. Wer ihn nicht kennt: Das ist der beste Basketballer aller Zeiten (sorry LeBron…), sechsfacher Champion und Finals-MVP mit den Chicago Bulls sowie fünffacher Liga-MVP.

Statistisch gesehen hat selbst Jordan in seiner NBA-Karriere aus dem Spiel heraus mehr Körbe verworfen als verwandelt. Er ist theoretisch also häufiger gescheitert als erfolgreich zu sein! Von ihm stammt das Zitat „I’ve failed over and over and over again in my life. And that’s why I succeed.” Was ihr davon mitnehmen solltet: Fehler gehören dazu und machen euch besser - also keine Angst, wenn diese in den Klausuren oder anderweitig passieren!


Ihr bestimmt das Studium – nicht umgekehrt

Abschließend noch zum Druck: Normaler Druck ist gut, aber man sollte sich davon nicht kaputt machen lassen. Gerade am Anfang des Studiums hat grundsätzlich niemand etwas zu verlieren. Auch wenn man nach ein, zwei oder auch vier Semestern merkt, Jura ist doch nichts für mich, hat man keine Zeit verschwendet, sondern trotzdem einiges für und über sich gelernt.


Wenn es auf das Examen zugeht, sollte man den Druck in gesundem Maße als Motivation nutzen, sich aber auf keinen Fall von ihm oder irgendeiner Traumnote abhängig machen. Schon sehr viele haben das Examen geschrieben und bestanden, und die kochen alle auch nur mit Wasser. Außerdem kann man dann endlich zeigen, wofür man monate- bzw. jahrelang gearbeitet hat. Darauf sollte man sich freuen! Ein:e Sprinter:in steht schließlich auch nicht mit schlotternden Knien am Start des Finallaufs, sondern hat Bock die beste Leistung abzurufen.


Wie meistens im Leben, ist auch bei Jura vieles eine Frage der Perspektive. Natürlich gehört mehr dazu. Die Einstellung zum Studium ist dennoch ein wichtiger Baustein, den ihr Leser:innen fortan hoffentlich nicht mehr unterschätzt.


In diesem Sinne: Alles Gute und enjoy the ride!

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